Am 18. Oktober 2022 hat der Standard den wenig schmeichelhaften Beitrag „Ein rechtskatholisches Netzwerk gewinnt in der Wiener ÖVP an Einfluss“ veröffentlicht, in dem teilweise rufschädigende Behauptungen aufgestellt werden (Printversion zur Ansicht). In gewisser Hinsicht kann man diesen Beitrag aber auch als Kompliment auffassen, dass ich etwas richtig mache. Denn natürlich engagiere ich mich, um christliche Werte und darauf basierende Themen in der Politik relevanter zu machen und ich freue mich, wenn das gelingt. Und natürlich ist es ein Ziel des Plattform Christdemokratie Lehrgangs, junge Christen dabei zu unterstützen, ihr Potential zu entfalten, um sich im öffentlichen Leben zu engagieren und ich freue mich, wenn sie in verantwortungsvolle Positionen kommen. Dass das bei einem Medium wie dem Standard nicht auf viel Begeisterung stößt, ist wenig überraschend, aber legitim. Nicht legitim sind die Veröffentlichung von Unwahrheiten und bewussten Verzerrungen, um Misstrauen und Zwietracht zu säen. Vor allem die Unterstellung, mit Rechtsradikalen in irgendeinem Verhältnis zu stehen, ist rufschädigend und kann ich nicht so stehen lassen. Deshalb habe ich eine Replik verfasst, die auch vom Standard gekürzt veröffentlicht wurde. Hier ist die ungekürzte Fassung.

Replik

Beginnen wir mit Komplimenten. Es ist wirklich bemerkenswert, wie viel Zeit und Energie der Verfasser in die Recherchearbeit dieses Beitrags investiert hat. Das verdient Anerkennung. Des Weiteren freut mich, dass wir scheinbar die gleichen Themen für gesellschaftlich relevant halten, nämlich Abtreibung, kindgerechte (!) Sexualerziehung und das Verhältnis von Religion und Politik, auch wenn meine Positionen im Standard-Artikel teilweise stark verkürzt oder unrichtig dargestellt wurden. Aber keinesfalls unkommentiert stehen lassen kann ich die versuchte Assoziation meiner Person mit dem “Identitären-Chef Martin Sellner” bereits in der ersten Zeile des Beitrags.

Ich kenne Herrn Sellner nicht und ich habe mit seiner Weltanschauung nichts gemein. Aber durch diese konstruierte Kontaktschuld, weil Sellner angeblich ebenfalls am Marsch fürs Leben teilgenommen haben soll, werde nicht nur ich diskreditiert, sondern auch die vielen tausend weiteren Teilnehmer der Kundgebung.
Dass meine Aussage, der Marsch sei heuer “etwas ganz Besonderes” gewesen, auf die Teilnahme von Sellner und Konsorten gemünzt wird, ist in meinen Augen bewusste Rufschädigung.

Wenn Christen und Vertreter für christliche Werte in einem Atemzug mit “berüchtigte(n) Rechtsextreme(n) aus der Hooligan-Szene” genannt werden, ist eine weitere inhaltliche Auseinandersetzung fast unmöglich.

Dabei ist die Frage, ob Menschenwürde und Beginn des menschlichen Lebens ineinanderfallen zentral, doch wer spricht schon mit Rechtsextremen? Das führt mich zu meinem nächsten Kritikpunkt. Mehrere Absätze wurden für die Beschreibung des Empowerment Lehrgangs der Plattform Christdemokratie verwendet. Nachdem so kunstvoll eine vermeintliche Verbindung zu den Identitären hergestellt worden ist, war es wohl nicht opportun zu erwähnen, dass die Teilnehmer dieses Lehrgangs fast ausschließlich junge Menschen mit Migrationshintergrund sind, nicht wenige davon Flüchtlinge.

Doch wenn nun als Folge dieses Beitrags unter ihren Postings auf Social Media bereits Beschimpfungen wie “Nazis” auftauchen, wirft das kein schönes Licht auf unser Land. Die Vermengung von Rechtsextremismus mit Glauben und Christentum ist mehr als nur ein rhetorischer Trick. Sie bietet eine weitere Grundlage einer kaum verhohlenen grundsätzlichen Religionskritik.

Wenn zwischen den Zeilen das öffentliche Auftreten von Christen und politisches Engagement aus dem Glauben heraus kritisiert wird, dann befindet man sich aber im Widerspruch mit der in Österreich garantierten Religionsfreiheit und des gewünschten respektvollen Miteinanders unterschiedlicher Weltanschauungen. Ist das wirklich gewollt?